Am schwarzen Meer

Am nächsten Morgen ist das Klackern an der Teneré jetzt richtig laut geworden. Vor dem Motel bauen Rugard und ich erst mal Verkleidung und Tank ab. Öl hat sie auch einiges gefressen, kein gutes Zeichen. Nach kurzem Suchen haben wir den Übeltäter gefunden. - große Erleichterung ! Aufatmen ! Es ist schlicht der Vierkant der Drezahlmesserwelle gewesen der nicht mehr richtig in der Aufnahme saß und dabei so einen Radau gemacht hat.
Es ist halt so, dass man auf einem solchen Trip, jedes noch so kleine, ungesunde Geräusch am Moped auf die Goldwaage legt, was man sonst normalerweise niemals machen würde, wenn man zu Hause so durch die Gegend schraddelt. Später sind wir diesbezüglich viel unempfindlicher geworden. Es gibt einen Schluck Öl für die Teneré, Drehzahlmesserwelle wieder festgeschraubt und dann wird gepackt. Schon morgens früh ist es hier sehr heiß. Durch das schrauben in der Hitze hat bei Rugard und mir schon wieder die „Extremtranspiration“ eingesetzt. Werner, über dessen Dragstar wir ja beide vorher so geschrotzt hatten, verbringt die Zeit mit Cappuchinotrinken und Gitarrespielen auf der Terasse im Schatten. Er fragt irgendwann völlig entspannt: „Na Jungs, seid ihr endlich soweit, kann´s weiter gehen“ ?
Wir machen die morgendliche Lagebesprechung und stellen fest, dass wir ja schon ganz gut Kilometer gefressen haben, und gut in der Zeit liegen.

Wir beschließen uns etwas Gutes zu tun, und noch kurzfristig einen Tag an der bulgarischen Schwarzmeerküste einzuschieben. Da der direkte Grenzübergang zur Türkei im Sommer 2008 wegen einer Großbaustelle eh dicht war, wollen wir in den Norden ausweichen.
Kurz hinter Plovdiv verlassen wir die Autobahn Richtung Stara Zagora. Wir machen einen kurzen Stop und beschließen dass hier unser eigentlicher Urlaub beginnen soll und wir es etwas relaxter angehen wollen.

Noch knapp 200km bis nach Burgas. Kilometerlange Lkw Schlangen auf einer knallvollen, kurvigen Landstraße mit viel Gegenverkehr. Das stundenlange Überholen der Kolonnen, immer die richtige Lücke zu finden, schlaucht mich ziemlich. Werner und Rugard macht es offensichtlich großen Spaß. Meinem, eher lebensbejahenden Fahrstil kommt das nicht so recht entgegen. Mit dem ganzen Gepäck, und nur 53 PS kann man das Fahrverhalten der Transalp auch nicht mehr unbedingt „spritzig“ nennen. Ich habe mich zwar mittlerweile ganz gut an das Gewicht gewöhnt, aber es ist schon anstrengend bei der Hitze. Doch irgendwann geht es über einen kleinen Bergrücken und vor uns liegt die Bucht von Burgas.
Es ist ein bewegender Moment für mich zum ersten Mal das schwarze Meer zu sehen. „Meine Fresse, so langsam sind wir wirklich schon ein gutes Stück weg von daheim.“ - denke ich mir.
Dem Charme des osteuropäischen Massentourismus können wir nicht so viel abgewinnen. Unschöne Hotelbunkerkonzentration. Wir beschließen einfach die Küste weiter runter zu fahren, bis wir etwas Schönes finden. Das dauert auch nicht lange, etwa 30km weiter südlich kommen wir in den Ort Sozopol. Sozopol ist die älteste Stadt an der bulgarischen Schwarzmeerküste. Das ursprüngliche Fischerdorf hat sich zwar, im Laufe der Zeit, zum Tourizentrum gewandelt, aber es gibt immer noch ein schönes, gemütliches Zentrum. Mit Kopfsteinpflaster und schönen Cafe´s, teilweise noch Holzhäuser aus dem 19. Jahrhundert - und schönen Mädels - was will man mehr. Es ist auch nicht so voll hier. Cappuccino und Eis im Cafe´, abhängen und relaxen. Zum ersten Mal kommt richtige Urlaubsstimmung auf. Danach ganz entspannt auf Zimmersuche gehen. Wir finden eine kleine Pension, das Zimmer kostet ca.12€ p.P.. Einfach aber o.k., hat jedoch den kleinen Nachteil dass wir das gesamte Gepäck in den 3. Stock schleppen müssen. Dafür werden wir mit einem wunderbaren Blick über die Bucht von Sozopol belohnt.

Zum Glück ahnten wir noch nichts davon dass wir hier um Sackhaaresbreite größere Probleme gehabt hätten. Vor der Zimmersuche hatten wir die Mopeds auf einem bewachten Parkplatz im Zentrum abgestellt. Dort haben wir erst mal die Saunaanzüge gegen Freizeitkleidung getauscht und sind durch den Ort gebummelt. Vermutlich bei dieser Umkleideaktion hat Werner, ohne es zu merken, einen Großteil seiner Papiere, Kreditkarten, und auch noch ein paar andere Dinge verloren. Wie das genau passiert ist konnten wir später nicht mehr nachvollziehen. Als wir dann später vor unserer Pension stehen kommt ein Einheimischer um die Ecke und ruft mir zu: „Are you Mr. Hucks ?“ Ich deute auf Werner, und der Typ hält Werners ganzen Papierkram in der Hand (Fahrzeugschein, Kreditkarte etc.). Wir sind in dem Moment so verdutzt, stehen da mit offenem Mund und brauchen einige Zeit um zu begreifen was passiert war. Genauso schnell wie er aufgetaucht war, war der Typ auch wieder verschwunden.

So viel zur Ehrlichkeit der Menschen in Bulgarien. Wir hatten vorher viele Horrorstories gehört, von Bikern die beklaut wurden, komplette Bikes die verschwunden sind usw., waren deshalb immer sehr auf der Hut. Aber es gibt scheinbar überall solche und solche.
Abends gehen wir sehr gut, und feudal Essen, genießen beim Sonnenuntergang über dem schwarzen Meer diverse Gänge. Hervorragende Küche und exzellente Bedienung der alten Schule. Etwa 36€ für alle 3 zusammen, da kann man nicht meckern. Werner spielt auf der Dachterrasse nachts noch ein paar saugute Improvisationen auf der Klampfe. Ich frage mich wie er nach über 2000km überhaupt noch die Finger auseinander kriegt und ich sage: „Werner, wenn du diese Sache nicht angezettelt hättest, wir hätten es niemals gemacht.“
Am nächsten Morgen beobachten wir beim Frühstück am Hafen wie man versucht mit einem steinalten Autokran, ein Boot ins Wasser zu lassen. Das Ergebnis ist ein abgeknickter Baum, eine Delle im Boot und zerbrochene Rücklichter am Autokran. Das scheint die beteiligten nicht groß zu interessieren, alle sind happy dass der Kahn im Wasser ist.
Wir fahren die Küstenstraße weiter runter, nach Süden, und suchen einen Platz zum baden. Ein paar Buchten weiter halten wir an und stapfen mit kompletter Montur durch die Dünen. Es ist wieder mal sehr heiß und irgendwie sehen wir mit den Mopedklamotten in den Dünen aus wie Außerirdische. Rugard formuliert es treffender so: „Ihr habt sie nicht mehr alle !“

Ein herrlicher, fast menschenleerer Strand. Super ! Werner und ich stürzen uns in die Fluten - geil ! Das Wasser ist lange nicht so salzhaltig wie am Mittelmeer. Es ist eher wie eine Mischung aus einem See und Meer, dazu kristallklar. Daran könnte man sich gewöhnen. Ein traumhafter Platz. Außer uns sind hier nur noch ein Londoner und eine Wienerin, die am Strand zelten. Sie erzählen uns dass sie aus Treibgut eine Strandbar aufbauen wollen. In einer Woche soll die Eröffnung sein. (???? Wir schauen uns ungläubig an) Echte Freaks. Wir kommen ins Gespräch und als der Londoner hört dass wir auch Musik machen sagt er nur mit rauchiger Stimme: „Everywhere you go, you always find musicians and dogs.“ Ich sage dass es einem in der Seele weh tut, so einen paradiesischen Ort so schnell wieder verlassen zu müssen, aber wir haben ja noch was vor, wollen heute noch bis nach Istanbul. Der Londoner meint es wäre eben das Schicksaal eines Bikers. Immer wenn man einen schönen Ort gefunden hätte, diesen wieder hinter sich zu lassen. Die gegenseitige Sympathie zwischen Werner und der Wienerin ist unübersehbar. Schweren Herzens verabschiedet sich Werner, ich glaube er hätte sie am liebsten mitgenommen.

Da es direkt an der Küste keinen Grenzübergang zur Türkei gibt, fahren wir noch etwas weiter Richtung Süden und biegen bei Michurin nach Westen ab, in die Berge. Von Michurin bis zur türkischen Grenze führt eine schmale, knapp 50km lange Strasse durch die Wälder. Endlich Kurven. Der Straßenbelag ist zwar sehr schlecht, und die Schlaglöcher sind tief, aber es macht trotzdem tierisch Spaß. Rugard sagt man dürfe nur niemals zu langsam über so eine Piste fahren. Ab einer gewissen Geschwindigkeit spielen die Löcher keine Rolle mehr, weil man quasi „darüberfliegt“.
Das funktioniert tatsächlich und so pesen wir durch die Wälder. Diese Strecke zählen wir später zu den Highlights unserer Tour. Oben in den Bergen, hinter Malko Turno, gibt es einen relativ kleinen Grenzübergang. Am bulgarischen Ausreisekontrollposten werden Rugard und Werner sehr schnell abgefertigt. Ich werde auf die Seite gewunken. Nach kurzer Zeit wird klar was die jungen Grenzer von mir wollen. Sie interessieren sich für die Transalp. Nachdem ich alle technischen Fragen beantwortet habe und jeder Mal Probesitzen durfte, mit Bild, lassen sie mich ziehen.
An der türkischen Einreise hat sich eine kleine Schlange gebildet. Ein Renault Laguna steht mit laufendem Motor vor dem Schlagbaum und blockiert alles. Der Fahrer war kurz ausgestiegen um dem Beamten seine Papiere zu übergeben. Dann hat sich die Karre selbsttätig verriegelt. Das ist offensichtlich schon eine ganze Weile her. Das es sich um einen sehr kleinen Grenzübergang handelt kommt, außer uns, niemand vorbei. Ich versuche dem völlig verzweifelten Türken zu helfen. Aber diese modernen Karren hat man nicht mal so schnell mit einem Draht durch die Fensterdichtung auf. Es klappt nicht. Später hat er einen Pflasterstein durchs Seitenfenster geworfen.

Die Grenzabfertigung an den ca. 5 türkischen Kontrollpunkten ist zwar relativ problemlos, aber sehr zeitaufwändig. Nachdem man seine Papiere abgegeben hat bekommt jeder erst mal einen schwarzen USB-Stick. Fragezeichen. Mit dem Stick latschen wir dann von Büro zu Büro, und überall wird darauf irgendetwas gespeichert oder herunter geladen. Etwa 3 Stunden dauert die Prozedur. Ich frage mich warum die nicht vernetzt sind, zumindest Wlan müsste doch funktionieren. Die große, dunkelgrün gestrichene Grenzhalle hat auch schon bessere Zeiten gesehen. Sehr schäbige Büros mit uraltem Mobiliar, überall Dreck und der Putz bröckelt. Hier ist in den letzten 25 Jahren sicher nicht viel passiert. Das Warten nervt, aber daran werden wir uns wohl so langsam gewöhnen müssen. Zum Glück wieder keine Gepäckkontrolle.

Als wir endlich den letzten Schlagbaum passiert haben, und frohen Mutes den Berg wieder runter stochen wollen hört auf einmal die Straße auf. Eine kurvige Sandpiste führt den Berg hinunter, weil hier gerade die Straße erneuert wird. Es ist eigentlich nicht weit, vielleicht 10km, aber dieser Streckenabschnitt hat schlagartig unsere Optik verändert. Unten angekommen sehen wir jetzt wirklich wie „Tourenfahrer“ aus. Ich hab ziemlich viel Dreck gefressen weil ich als Letzter im Trio unterwegs war.

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